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schlagArtig – Schlagzeug Upcycling

Interview mit Gerald von schlagArtig Upcycling

Dass Schlagzeuge für weitaus mehr in der Lage sind, als den Rhythmus anzugeben, das stellt Gerald Bender unter Beweis. Der 52-jährige baut nämlich aus alten, vergessenen Drumsets besonders einzigartige Einrichtungsgegenstände. Egal, ob Bar-Schrank, Stehlampen oder sogar Vogelhäuser, es scheint beinahe so, als wäre theoretisch jedes denkbare Möbelstück aus den Instrumenten zu bilden, wenn man sich die Endergebnisse von Gerald anschaut (www.schlagartig-upcycling.de oder auch schlagartig.upcycling bei Instagram).

Wir von GEM SESSIONS waren beeindruckt und gleichzeitig neugierig, um mehr über Gerald und seine Arbeit in Erfahrung zu bringen. Aus diesem Grund freuen wir uns, dass sich Gerald unseren Fragen gestellt hat und uns somit einen tieferen Einblick in sein Schaffen ermöglicht.

Aaron: Gerald, deine Tätigkeit bei „schlagArtig“ lässt stark vermuten, dass du selbst ein leidenschaftlicher Drummer bist…

Gerald: Ja! Ach, ich glaube von der ersten Stunde an, sobald ich ein paar Kochlöffel festhalten konnte, habe ich angefangen auf Kissen und Töpfen drauf rum zu trommeln. Also eigentlich fing das schon in frühester Kindheit an. Und dann kamen eben die klassischen Geschichten wie Schlagzeuglehrer, Schulband und Cover-Bands. Nach wie vor spiel ich auch momentan noch in zwei Bands oder im Rahmen von anderen Projekten, die dann ab- und an mal so stattfinden, wie beispielsweise in Jam-Sessions, sofern diese wieder erlaubt sein sollten.

Aaron: Vor rund einem Jahr hast du in einem Interview mit dem Musikmagazin „Bonedo“ verraten, dass dein Musikraum direkt neben deiner Werkstatt liegt, in der du die Möbelstücke anfertigst. Es würde deshalb ganz gerne mal vorkommen, dass du dich hin- und wieder von deiner Arbeit an den Möbeln ablenken lässt, indem du dich an deine Schlagzeuge setzt. Hat sich das mittlerweile ein wenig gebessert?

Gerald: (lacht!) Von Besserung kann man jetzt nicht sprechen. Nein, also es ist unverändert, dass diese Räume eben nebeneinander sind und das ist auch gut so. Bei jeder Firma gibt es ja Sozialräume und das ist dann eben meiner sozusagen (lacht!). Das ist mir unheimlich wichtig, dass ich zwischendurch einfach mal die Bohrmaschine oder Säge auf die Seite legen kann und eine viertel- bis halbe Stunde am Schlagzeug spiele, um den Kopf ein wenig frei zu bekommen. Vor allem wenn mal etwas nicht so klappt  wie man es sich vorgestellt hat, kann das sehr hilfreich und entspannend sein.

Aaron: Wie genau entstand die Idee aus alten Schlagzeugen Möbel herzustellen?

Gerald: Das ist aus einer ganz alltäglichen Geschichte eigentlich entstanden. Ich habe eine Lampe für mein Studio gesucht und hab’ nach was Originellem Ausschau gehalten. Dann habe ich einfach ein altes Tom zu einer Lampe umgebaut. Kurz darauf kam dann ein Kumpel von mir und sah das Stück. Es hat ihm dann so gut gefallen, dass er es mir direkt vor Ort und Stelle für seinen Proberaum abkaufte und ich war wieder ohne Lampe da. Dann habe ich mir wieder eine nachgebaut und so nahm das Ganze dann seinen Lauf.

Als dann immer mehr Leute davon mitbekamen und auch solche Möbel haben wollten, wurde es dementsprechend mehr und mehr und ich konnte demzufolge dann auch damit beginnen, meine Kreativität so ein bisschen auszuleben.

Aaron: Wie sieht mittlerweile eigentlich dein eigener Wohnraum aus? Ist der voll mit den selbstgebauten Möbel oder findet man doch noch den ein oder anderen Ikea-Schrank?

Gerald: (lacht!) Also es gibt Gott sei Dank ein Regulativ, nämlich meine Frau. Die meldet sich da, wenn ihr es zu viel wird. Aber es gibt auch bereits schon zwei Teile, die ich für sie gebaut habe und die dürfen natürlich immer dabei stehen. Es soll natürlich nicht Überhand nehmen, das ist ganz klar, aber das wird auch nicht passieren, denke ich. Aber es sind auch noch ein paar Ikea-Teile da (lacht!)

Aaron: Ebenfalls im Interview mit „Bonedo“ berichteste du über dein bis dahin spannendstes Projekt. Es handelte sich dabei um ein ziemlich großes Sideboard. Ist das nach wie vor das spannendste Projekt geblieben oder gibt es da mittlerweile schon etwas Anderes?

Gerald: Ja man kann schon sagen, dass das Sideboard das Spannendste bis jetzt war, was den Aufwand von den Dingen betrifft, die ich bis jetzt gebaut habe. Das waren insgesamt sechs Hänge-Toms, die auf eine Palette gebaut worden sind. Es hat natürlich nicht alles direkt gepasst und musste maßgefertigt werden. Ich glaube drei von den sechs Toms hatten auch noch Türen, also es war schon sehr aufwändig.

Aaron: Gibt es Produkte bzw. Projekte, die du persönlich präferierst?

Gerald: Den größten Spaß macht mir immer das nächste Projekt. Also manchmal habe ich Phasen, da wach ich nachts auf und habe einen Gedanken oder auch morgens beim Fahrradfahren. Dann denke ich mir oft Sachen aus und freue mich auf das nächste Projekt und dessen Umsetzung. Das ist manchmal recht spontan dann. Es kann auch manchmal der umgekehrte Weg sein, dass ich während des Schlagzeugspielens eine Idee habe, bei der ich kurz mal die Stöcke bei Seite lege und dann geh ich in die Werkstatt, wo die Projektidee dann schon mal grob umrissen wird.

Aaron: Also gibt es keine Art von Möbeln, die besonders Spaß machen z.B. bei der Anfertigung?

Gerald: Spaß machen mir wirklich alle Sachen. Also da muss ich dazu sagen: Ich baue alle Sachen so, wie ich sie selber benutzen würde und wie ich sie  – wenn ich sie nicht verkaufen würde- mir selber in die Wohnung stellen würde. Ich würde jetzt nicht irgendetwas bauen nach dem Motto: ‘Irgendeinem wird’s schon mal gefallen.’ Das ist nicht so mein Ding, weil was ich selbst nicht gebrauchen kann oder gut finde, da kann ich dann auch nicht dahinterstehen.

Aaron: Gibt es bei der Kundschaft besonders begehrte Modelle?

Gerald: Da gibt es Präferenzen, genau. Da sind die Bassdrum-Tische und die Barschränke aus den Stand-Toms, das sind so die Sachen die ich am meisten baue. Da kommt dann auch oft mal ein Farbwunsch mit rein, den ich berücksichtigen kann, um beispielsweise die Trommel einer bestimmten Wandfarbe anzupassen.

Aaron: Wenn man deine Instagramseite so anschaut, dann scheinst du bis dato zumindest keinen Mangel an Ideen gehabt zu haben. Gibt es denn aktuell neue Projektideen?

Gerald: Ja ich arbeite gerade an neuen Ideen. Das eine wird eine neue Art von Bartisch oder Barschrank, der keine Türen hat aber dafür jede Menge Öffnungen, sodass er sehr transparent dann ist und er wird nicht auf den normalen Füßen stehen, sondern Rollen haben. Also es ist so ein bisschen eine Kombination aus Barschrank und aus dem Couchtisch aus den Bassdrums. Das ist das eine und zum anderen: Ich habe jede Menge große Becken und alte Hardware noch da und da wird es nun Richtung Stehlampen gehen, bei denen Lampenfuß und Lampenschirm Becken sein werden. (macht eine Pause) Also es wird sehr groß werden.

Aaron: Nun liefern solche Upcycling-Projekte nicht nur coole und praktische Endprodukte, sondern darüber hinaus auch vor allem Produkte, die nachhaltig sind. Spielt dieser Nachhaltigkeitsaspekt dabei eine große Rolle für dich oder überwiegen eventuell doch eher die kreativen Gesichtspunkte?

Gerald: Das Kreative ist natürlich wichtig, das ist ganz klar. Es sind natürlich auch jede Menge Teile dabei, die ich dazu kaufen muss wie beispielsweise die Rollen, aber ich halte von Nachhaltigkeit sehr viel. Ich bin jemand, der ungern Dinge wegwirft, nur weil sie vielleicht ein bisschen kaputt sind. Ich liebe es Sachen nochmal zu reparieren und ich denke es wird viel zu viel weggeworfen, was noch irgendwie einen Nutzen haben könnte. Daraus ist ja auch so ein bisschen diese ganze Idee entstanden, nämlich Abfall die Möglichkeit zu geben, nochmal eine Runde zu drehen, wie ich es eben mit den Trommeln mache. Das sind ja auch alles abgelebte Gegenstände aus irgendwelchen Kellern, die keiner mehr haben wollte oder verschrottet werden sollten. Die nehme ich halt und lass sie nochmal eine Runde drehen in einer anderen Form und das Ganze auch ein bisschen aufgewertet. Nachhaltig benutze ich aber auch andere Materialien. Ich arbeite viel mit alten Palettenhölzern. Das ist teilweise auch Einweg-Palettenholz, was weggeworfen oder verbrannt wird. Das verwende ich halt und kriege es zudem kostenlos, teilweise von meinem Musikhändler hier vor Ort, der mich da immer mit Paletten beliefert, auf denen Keyboards oder Ähnliches drauf gestanden haben. Also ja, letztendlich denke ich, dass viel zu viel gebaut wird, es wird  viel zu viel verkauft und  viel zu schnell weggeworfen. Vieles sollte man wesentlich länger verwenden und auch verwenden können.

Aaron: Kannst du eigentlich davon leben?

Gerald: Es ist vielleicht auch die Frage, ob ich das so auch überhaupt möchte, weil wenn man anfängt so etwas als komplettes Einkommen zu nehmen, dann hast du natürlich immer einen gewissen Druck. Zum einen den Druck Dinge bauen zu müssen oder auch eventuell Aufträge anzunehmen, auf die man selbst garkeinen Bock hat und zum anderen auch den Druck ständig kreativ sein zu müssen. Man muss dann ja auch immer was Neues bringen und nicht andauernd das Selbe machen, sonst wird’s ja schließlich langweilig auf die Dauer. Ich glaube es ist sehr schwer davon leben zu können, aber ich glaube ich möchte es auch garnicht.

Auch einfach aus dem Grund, weil ich ein Stück weit die Freiheit brauche. Ich möchte gern viel reisen, wenn es wieder geht. Wir haben uns im letzten Herbst ein Wohnmobil gekauft, das ich gerade am renovieren und sanieren bin und sobald wir wieder dürfen, würden wir damit gerne ein bisschen durch Europa fahren. Da wäre es natürlich blöd, wenn man sich demzufolge einschränken müsste, weil man upcyclet bis die Säge glüht. Also da will ich das auch gerne so lassen, dass ich diese Geschichte weiterhin als Nebenstandbein betrachte.

Mehr von Geralds Arbeit findet ihr unter http://www.schlagartig-upcycling.de

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